Gelegentlich ist es angebracht, sich zusätzlich zur öffentlichen Berichterstattung der Lokalpresse auch etwas eingehender mit den Fakten zu befassen, so etwa im Falle der Neuansiedlung der Biotechfabrik Biogen in Luterbach SO.

Hier die Einschätzung vom 20. Juli 2015 von Thomas Cueni, Interpharma.

 

Auf Anfrage an die VGD BL lagen der BaZ am Vortag ihres Beitrags vom 16. Juli 2015 folgende Antworten schriftlich vor:

 

"Der Welcome Desk der Wirtschaftsförderung Baselland erhielt im September 2014 die Anfrage (anonym, via Basel Area).

Gesucht waren 140‘000 bis 215‘000 m2 (oder grösser), was ausserordentlich viel ist.

Die zur Zeit grösste derzeit verfügbare Parzelle liegt in Salina Raurica West zwischen Coop und ARA; ca. 70‘000m2. 
Zum Vergleich: Das bebaubare Areal Baselink (Bachgraben Allschwil) ist ebenfalls rund 70‘000 m2 gross.

Die Wirtschaftsförderung hat aufgrund der Anfrage auch den Infrapark Baselland (Schweizerhalle) kontaktiert; dort steht zwar auch keine derart grosse Fläche zur Verfügung, jedoch resultierte der technische Vorschlag, kompakter und in die Höhe zu bauen, statt in die Breite (Infrapark hat diesbezüglich gute Investitionserfahrungen u.a. mit Novartis und Bayer).

Am Ende hat WiFö BL zu Handen Biogen zwei Dossiers auf Englisch eingereicht: Infrapark und BaseLink (70‘000m2)

Fazit: Es stand für Biogen keine genügend grosse Fläche in BL zur Verfügung. Für den Kunden war offenbar die Erschwernis in die Höhe statt  (billiger) in die Breite zu bauen nicht attraktiv. So hat er unser Angebot nicht mehr weiter verfolgt.

Bearbeitungszeiten Welcome Desk: Nach Eingang der Anfrage beim Welcome gingen die fertigen Dossiers innert 3 Arbeitstagen an Basel Area. Die Absage des Kunden an Basel Area erfolgte im Januar 2015.

Der Kanton Solothurn hat 2010 das Areal als Industriebrache (ehem. Zellulose Attisholz / Borregard) gekauft und mit einer Testplanung versehen. Das Areal ist in der Folge fast 5 Jahre freigehalten worden, bis der „richtige“ Nutzer kam.

Im Fall Biogen war der Flächenbedarf schlicht grösser als das in BL verfügbare Flächenangebot.

Generell:

Es führt kein Weg an der Schaffung der erforderlichen planerischen Grundlagen vorbei, die Vorlaufzeiten bis ein Areal baureif ist, dauern Jahre. Es braucht für Ansiedlungen zudem auch viel Ausdauer resp. den Mut zu warten.

Auf dem Areal Salina Raurica ist aktuell die kommunale Nutzungsplanung (Zonenplan der Gemeinde, Kompetenz Einwohnerrat) in Arbeit. Diese bildet dann die Grundlage für die Testplanungen. Das Areal Baselink ist planerisch bereits weiter und baureif, die Nachfrage ist erfreulich.

Dass die Wirtschaftsoffensive nicht bereits vor fünf oder noch besser vor zehn Jahren gestartet wurde, kann man dem Projekt nicht zum Vorwurf machen.

Bei der Standortförderung handelt es sich um eine wichtige Investition in die Zukunft, der der Regierungsrat weiterhin hohe Priorität beimisst: „Der Regierungsrat erachtet es zur Verbesserung der Ertragsbasis als unerlässlich, kontinuierlich in die Förderung des Wirtschaftsstandorts Baselland zu investieren.“ (Bericht zur Finanzstrategie 2016-19 (p. 17), MK 8.7.15)

Wenn das Areal Salina Raurica baureif ist und die (nach demokratischen Prozessen ablaufende und daher zeitaufwändige jedoch auch stabile) Nutzungsplanung dies zulassen wird, wäre theoretisch auch eine flächenintensive Ansiedlung à la Biogen *) möglich.

Entscheidend wird dann im konkreten Fall sein, dass die Unternehmung auf der grossen Fläche eine entsprechende Wertschöpfung erzielen kann, was bei Produktionsbetrieben auf lediglich einer Etage in Konkurrenz zu Mischnutzungen (Produktion/F&E/Dienstleistungen/Wohnungen auf mehreren bis sehr vielen Etagen in Hochhäusern) naturgemäss nicht einfach ist.

Hier zeigt sich das Dilemma bei Ansiedlungen: Soll man im Sinne der Strategie warten (allenfalls über viele Jahre), bis eine Firma kommt, die genau dem Wunsch entspricht, oder soll man Gelegenheiten ergreifen, die sich real und kurzfristig bieten? (In Salina Raurica West stellte sich genau diese Frage auch beim Coop-Neubau, des aktuell grössten Bauvolumens in der Region).

Wesentlich ist, dass sich die bereits anwesenden Firmen hier wohlfühlen und bleiben, erweitern und investieren, was sie auch tun: Neben den erwähnten Bayer, Novartis und anderen im Infrapark z.B. auch Actelion/Max-Planck-Ges.(Vaxxilon), Bachem, Coop, GebroPharma, Intertek, Jaquet um nur einige wenige aus der jüngsten Vergangenheit zu nennen).

 

*)  NLZ Neue Luzerner Zeitung vom 02.07.2015 Seite 15lzhp

eme. Die Solothurner Behördenvertreter strahlten über beide Backen, als sie die Neuansiedlung der Biotechfabrik Biogen in Luterbach verkündeten (siehe Ausgabe von gestern). Auch andere Kantone bewarben sich um die Produktionsstätte mit 400 neuen Arbeitsplätzen. Auf Anfrage heisst es bei Biogen, dass man nach einem internationalen Evaluationsverfahren, bei dem die Schweiz das Rennen machte, mehrere Standorte in verschiedenen Kantonen prüfte. Weitere Details dazu gibt Biogen nicht bekannt. Auf Nachfrage unserer Zeitung bestätigen die Wirtschaftsvertreter von Luzern und Zug, dass man mit Biogen intensiv in Kontakt stand. Beide Kantone verfügen über zahlreiche Arbeitsplätze von Pharma- und Biotechfirmen. In der Stadt Zug ist sogar der Hauptsitz von Biogen International und Biogen Schweiz. Knapp 300 Mitarbeiter zählen die beiden Einheiten des Konzerns. Zug und Luzern können zudem mit tiefen Unternehmenssteuern auftrumpfen. Im interkantonalen Vergleich liegt man bei der Standortqualität an der Spitze, während Solothurn einen Platz im Mittelfeld belegt.

Inwil und Sempach wurden geprüft

Entscheidend war jedoch, dass nur Solothurn mit der brach liegenden früheren Borregaard-Fabrik über ein fertig erschlossenes Industriegebiet in der Grösse von 220 000 Quadratmetern verfügt. «Wir konnten leider kein Areal, das innert der erhofften Zeit erschlossen werden kann, anbieten», sagt Matthias Michel, Zuger Volkswirtschaftsdirektor.

Ähnlich tönt es beim Luzerner Wirtschaftsförderer Walter Stalder: «Wir hätten die Gebiete Schweissmatt in Inwil und Honerich in Sempach anbieten können.» Die Schweissmatt sei jedoch nicht innert der vorgeschriebenen Zeit zu erschliessen gewesen, in Sempach wäre das Areal zu klein für die Bedürfnisse von Biogen.

Walter Stalder betont, dass man die Biotechfabrik gerne als Luzerner Arbeitgeber und Steuerzahler gehabt hätte. Er sagt aber auch: «Es freut mich für Solothurn. Es ist ein positives Zeichen für die Schweiz.» Vor zehn Jahren sei man leer ausgegangen, als Amgen in Fribourg eine Biotechfabrik bauen wollte. Weil die Behörden dem Unternehmen nicht entgegenkamen, ging die Fabrik nach Irland.

Das Industrieareal an der Aare mit langer Tradition: 1881 begann man hier mit der Zelluloseproduktion, 2008 wurde die gesamte Fabrik stillgelegt. Mit Biogen kehrt nun neues Leben ein."